Eike Ruckenbrod Autorin Pferdebücher eikeruckenbrod@pferderoman.de
Karlsruhe, BW 76351
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Vom Alptraum zum Traumpferd

Daniela habe ich durch Zufall kennen gelernt, als ich mir eine Weide anschaute. Wir kamen ins GesprĂ€ch und sie erzĂ€hlte mir von ihrem schwierigen Wallach. Sie besaß ihn jetzt 10 Jahre und konnte ihn nur noch fĂŒttern und pflegen, da er sonst unmöglich und gefĂ€hrlich war. Beim Longieren riss er sich einfach los und rannte weg, bei der Freiarbeit auf dem Platz rannte er so lange er wollte und in der Gangart, die ihm genehm war. Beim Spazieren gehen im GelĂ€nde, scheute er vor allem und jedem, riss sich los und rannte zum Stall. Beim Ausreiten scheute er, buckelte oder rannte unter einen Baum, um seinen Reiter los zu werden und auf dem schnellsten Weg zum Stall zu gelangen. Danielas Narben auf dem RĂŒcken zeugten noch heute davon. Ihn auf dem Platz zu reiten, machte auch keinen Spaß, da er nur da hin ging, wo er wollte. - Aber verkaufen wĂŒrde sie ihn nie.

Ich hörte sehr interessiert zu und erzÀhlte ihr von meiner Arbeit (Natural Horsemanship) mit den Pferden und den schönen Erfolgen, die sich schnell einstellten.

Wir verabredeten uns. Schon beim Putzen und Halftern war der dreizehnjĂ€hrige Filou, sehr ungezogen, stand nicht still, stieß uns stĂ€ndig mit seinem Kopf weg, hielt den Kopf so hoch, dass wir nicht dran kamen, scharrte mit dem Huf ...

Ich sah ihn mir genau an. Er wirkte nicht böse oder aggressiv, nein im Gegenteil er sah richtig nett aus. Etwas zu fĂŒllig vielleicht ...
Okay, wir sperrten den hinteren Teil des Platzes ab und fingen an mit ihm zu arbeiten. Er war sehr unaufmerksam und uninteressiert. Ich musste stĂ€ndig an der Aufmerksamkeit und mit viel Druck arbeiten, damit er mir ĂŒberhaupt wich. Er war bocksteif und konnte seine vier FĂŒĂŸe nur mĂŒhsam sortieren. Sie zu ĂŒberkreuzen schien ihm unmöglich. Mit schmerzenden Fingern, aber voller Zuversicht beendeten wir die Stunde.

Einmal in der Woche arbeiteten wir intensiv mit ihm und schon bald stellten sich die ersten Erfolge ein. Das Schubsen mit dem Kopf hörte von ganz alleine auf, er reagierte auf Phase 1-3 und wurde zunehmend interessierter und offener fĂŒr unsere WĂŒnsche. Nachdem der direkte Druck gut klappte, gingen wir in den indirekten ĂŒber. Es klappte immer besser und Filou machte freudig mit. Auch die SeitengĂ€nge bereiteten ihm immer weniger Schwierigkeiten.

Erst beim lateralen Longieren fiel er wieder in seine alten Muster und riss sich, trotz Knotenhalfter, wenn er keine Lust mehr hatte, los. Leider hatten wir keinen fest eingezĂ€unten Longierzirkel zur VerfĂŒgung. Wir verkleinerten den Platz und ĂŒbten weiter. Da er sich auch vor allem zu fĂŒrchten schien, schleppte ich alles Mögliche auf den Platz und arbeitete stark am Vertrauen. Wir ĂŒbten mit Folien, PlastikbĂ€ndern, einem Regenschirm, Autoreifen, Tonnen, GymnastikbĂ€llen, Luftballonen, Fahnen, Blechdosen, Zeitungen ...

Und er fasste Vertrauen und wurde richtig lieb und verschmust. Auch sein Gesichtsausdruck hatte sich geÀndert. Sein Blick war offen und interessiert.

Jetzt war er soweit, dass wir unsere Übungen ins GelĂ€nde verlegten. Bei der 2. Stunde riss er sich wieder los, aber das war das einzige Mal. Wir gingen jetzt auch spazieren und bald darauf ritt ich ihn auch mit Begleitung, in Form von Mensch oder Pferd, im GelĂ€nde. Ich ließ das Knotenhalfter unter der Trense und konnte so beide kombiniert einsetzen. Die ersten Male klemmte er sich direkt an den Vordermann und war sehr unsicher und aufgeregt, aber durch meine Ruhe und den langen ZĂŒgeln, beruhigte er sich schnell wieder. Oft sang ich auch, oder sprach mit ihm. Er versuchte nie zu buckeln, sich zu widersetzen, oder unter einen Baum zu rennen. Ihm entging nichts und oft hatte er die Nase wie ein Hund auf dem Boden. Sein Kopf stand nie still. Er musste erst lernen, dass ein Ausritt auch entspannend sein konnte. FĂŒr ihn war es immer nur Stress gewesen. Wenn er seine aufgeregten NasengerĂ€usche machte, lachte ich nur und erklĂ€rte ihm was ihm Angst bereitete. Nie musste ich die ZĂŒgel fĂŒr lĂ€ngere Zeit aufnehmen, wenn, dann nur kurz klingeln. Ich lernte ihm, dass er vor der Gefahr nicht weglaufen, sondern stehen bleiben und sie sich in Ruhe anschauen sollte. So standen wir halt am Anfang öfters, aber es wurde mit der Zeit immer besser.

FrĂŒher wurde er bei Schrecksituationen an beiden ZĂŒgeln festgehalten, hatte kein Vertrauen, spĂŒrte Danielas Anspannung (spĂ€ter auch Angst) und bekam noch Druck mit den Schenkeln. Er widersetzte sich diesem, es kam zum Kampf, er in den Instinkt, buckelte und flĂŒchte. Je mehr Druck Daniela aufbaute, desto heftiger reagierte er. Er wurde mit der Zeit unberechenbar.

Mittlerweile arbeite ich 3-4 Mal die Woche mit ihm und er entwickelt sich zunehmens zum Traumpferd. Unter seinem glÀnzenden Fell zeichnen sich feste Muskeln ab. Sein schön geschwungener Hals trÀgt er immer öfters entspannt und letzte Woche hat er das erste Mal auf dem Heimweg im GelÀnde entspannt geschnaubt!!

Nach einem halben Jahr Bodenarbeit und wenig Reiten (Schritt und Trab), da er sich noch nicht ausbalancieren konnte, bekamen wir einen Bilderbuchgalopp geschenkt. Daniela kann es nicht glauben, was ihr Pferd und sie in so kurzer Zeit alles gelernt haben und ĂŒbt fleißig mit ihm. Mittlerweile reitet auch sie ihn am langen ZĂŒgel im GelĂ€nde und galoppiert ihn in schönster Manier auf dem Platz. Das VerhĂ€ltnis von den beiden hat sich sehr gebessert und sie ist stolz und ganz verliebt in ihr schönes, aufmerksames, selbstbewusstes und interessiertes Pferd, das sie und ihre WĂŒnsche respektiert.

Auszug aus dem Buch: Der Mensch als Leittier